Erfahrungsbericht von Julia:
Die Geschichte von Maui – Ein Kind, das genau richtig war.
Seit vielen Jahren lebe ich mit meinen Kindern in Kolumbien, am Fuße der Sierra Nevada de Santa Marta. Habe hier mitten in der Natur mein/unser Leben aufgebaut. Meine beiden Töchter – halb Schweizerinnen, halb Kolumbianerinnen – sind hier aufgewachsen, zwischen Fluss, Dschungel und den indigenen Gemeinschaften der Region.
Seit sieben Jahren leben wir auch in unmittelbarer Nähe zu den Kogi. Dadurch habe ich ihre Kultur und ihre Lebensweise sehr nah kennenlernen dürfen.
Die Kogi leben seit Generationen in der Sierra Nevada, zwischen Bergen, Flüssen und abgelegenen Tälern. Viele Familien leben noch sehr ursprünglich, oft ohne medizinische Versorgung und mit einfachen Mitteln. Gleichzeitig verändert sich auch hier vieles, und manche Traditionen und Wissen gehen mit den Jahren langsam verloren...
Das Leben in dieser Region ist nicht einfach.
Wenn Zwillinge geboren werden, wird oft nur das stärkere Kind großgezogen – nicht aus mangelnder Liebe, sondern weil die Bedingungen für zwei Babys zu schwierig wären. Das Überleben hängt hier stark von Gesundheit und körperlicher Stärke ab.
Ein Baby mit einer ausgeprägten Lippen-Kiefer-Gaumenspalte hat unter solchen Umständen praktisch keine Überlebenschance. Solche Babys können die Brust kaum richtig annehmen, und Nahrung aufzunehmen wird fast unmöglich.
In der Tradition der Gemeinschaft wird eine solche Geburt zudem oft als Fluch oder als Schande gesehen.
So wurde Maui geboren – am Fusse der Sierra Nevada de Santa Marta.
Kurz nach seiner Geburt wurde klar, dass er mit einer ausgeprägten Lippen-Kiefer-Gaumenspalte zur Welt gekommen war.
Sofort wurde er ausgestossen und seinem Schicksal überlassen.
Der Vater konnte es aber nicht zulassen das er sterben würde und hat mich um Hilfe gebeten.
Und so kam er schließlich zu mir.
Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits zwei kleine Töchter, und ich erst 28 geworden– und plötzlich war da dieser kleine Junge, der mich brauchte.
Ich habe ihn Maui getauft.
Für mich war er vom ersten Moment, als ich ihn in meinen Armen hielt, perfekt.
Viele Menschen sahen zuerst seine Spalte. Ich sah einfach nur ein wunderschönes Baby.
Die ersten Monate waren jedoch sehr schwierig. Maui konnte kaum Nahrung aufnehmen. Fast alles, was er trank, lief durch die Spalte wieder heraus. Ich hatte oft Angst, ob er genug Kraft bekommen würde, um zu wachsen.
Schließlich erhielten wir Hilfe von der deutschen Cleft-Kinderhilfe, die uns unterstützte, damit Maui in Barranquilla operiert werden konnte.
Er war erst vier oder fünf Monate alt, als die erste Operation stattfand.
Ich erinnere mich noch genau an meine Gefühle davor. Natürlich wusste ich, dass die Operation medizinisch wichtig war. Aber gleichzeitig hatte ich Angst – nicht unbedingt vor der Operation selbst, sondern davor, dass mein kleiner Junge danach ein anderes Gesicht haben würde.
Denn für mich war er bereits vollkommen richtig, so wie er war.
Die erste Operation verschloss seine Lippe und rekonstruierte seine Nase. Später folgten zwei weitere Operationen – zuerst am weichen Gaumen und dann am harten Gaumen.
In Kolumbien läuft vieles etwas anders als in Europa. Zwei oder drei Stunden nach einer Operation verlässt man oft schon wieder das Krankenhaus. Es gibt kaum lange Nachsorgeprogramme oder künstliche Ernährung.
Trotzdem waren die Kliniken modern und die Ärzte sehr einfühlsam.
Maui hat diese Zeit erstaunlich stark gemeistert.
Die schwierigste Erfahrung war seine letzte Operation. Ich hatte vorher erwähnt, dass er nach dem Aufwachen aus der Narkose oft sehr unruhig reagiert. Doch diesmal wurde das nicht ganz ernst genommen.
Als er aufwachte, war es, als hätte ich einen schreienden, zappelnden Fisch in den Armen. Ich konnte ihn kaum halten. Drei oder vier Krankenschwestern mussten helfen, ihn festzuhalten. Er hätte sonst wahrscheinlich aus dem Bett springen können. Trotzdem hat er sich am Metallgitter am Bett den Kopf angeschlagen und hat dann schlimm is dem Mund geblutet.
Dieser Moment war für mich als Mutter sehr schwer anzusehen.
Zum Glück beruhigte er sich später und kaum hatten wir das Krankenhaus verlassen, schlief Maui tief ein und die Heilung verlief gut.
Vielleicht auch wegen des ganzen Stresses in der Klinik blieb ein kleines Restloch im Gaumen, das irgendwann noch einmal operiert werden muss.
Die nächsten Wochen waren vergleichsweise ruhig. Essen war zwar etwas schwierig, aber wir machten das Beste daraus: viel Kompott, Pudding und weiche Lieblingsspeisen.
Und dann begann etwas Wunderschönes zu passieren.
Maui entwickelte sich unglaublich gut.
Er fing zwar sehr spät an zu sprechen. Als er schon drei Jahre alt war, konnte er kaum zwei oder drei Worte sagen, und ich machte mir große Sorgen.
Doch plötzlich – wie ein kleiner Wasserfall – kurz nach dem 3ten Geburtstag begann alles zu fliessen.
Heute spricht er Spanisch, schnapt das eine oder andere Wort beim Englisch lernen meiner Töchter auf und überrascht mit Liedern auf Schweizerdeutsch. Seine Aussprache wird immer klarer.
Er ist ein fröhlicher, neugieriger Junge.
Seine leiblichen Eltern sieht er alle ein bis zwei Monate. Wir leben nur etwa fünfzehn Kilometer voneinander entfernt. Heute sind sie sehr stolz auf ihn.
Einmal sagte sein Vater einen Satz, der mir bis heute im Herzen geblieben ist:
„Jetzt passt Julia mit ihrer Familie auf Maui auf. Und eines Tages, wenn Maui gross ist, wird er auf uns aufpassen.“
Wenn ich heute zurückblicke, denke ich oft an den Anfang.
An dieses kleine Baby, das so viel kämpfen musste, nur um zu trinken.
Und ich denke daran, wie viele Eltern Angst haben, wenn ihr Kind mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte geboren wird.
Ich möchte ihnen sagen:
Euer Kind ist nicht weniger perfekt.
Es ist nicht weniger schön, es braucht einfach ein wenig mehr Geduld, ein bisschen mehr Mut – und sehr viel Liebe.
Maui hat uns gezeigt, dass ein Kind nicht perfekt aussehen muss, um perfekt zu sein.
Er war es schon immer.